Frühjahrskatalog 2017

Menschen mit Leseschwäche sollen auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Das ist uns vom Spaß am Lesen Verlag wichtig. Unser Lesestoff wird genau für diese Menschen geschrieben. Die Sprache ist leicht zu verstehen, mit kurzen Sätzen und ohne schwierige Wörter. Die Themen sind interessant. Die Texte haben eine übersichtliche Gliederung. Dadurch macht das Lesen Spaß. Und was Spaß macht, macht man gerne öfter!

03.09.2017

Sonja Markowski über das Texten in Einfacher Sprache

Sonja Markowski erzählt: Wie geht eigentlich Einfache Sprache?

Sonja Markowski arbeitet seit 2008 für den Spaß am Lesen Verlag. Seitdem schreibt sie die Artikel für unsere einfache Zeitung „Klar & Deutlich“, die sechs Mal pro Jahr erscheint. 

Für „Klar & Deutlich – die Agentur“ hat sie Webseiten, Broschüren und andere Texte bearbeitet. Seit 2012 übersetzt sie auch Bücher in Einfache Sprache. Wie das funktioniert, hat sie uns in einem Interview verraten - natürlich in Einfacher Sprache.

Die Fragen:

1. Sonja, wie bist Du zum Spaß am Lesen Verlag gekommen?

2. Was ist für Dich am wichtigsten, wenn Du einen Text bearbeitest?

3. Was ist schwieriger - einen schwierigen Fachtext in Einfache Sprache übertragen oder ein Buch?

4. An welche Buch-Bearbeitung denkst Du noch am meisten?

5. Hast du auch Kontakt zu den Autoren von den Original-Büchern? Müssen manche davon überzeugt werden, dass Einfache Sprache wichtig ist?

6. Und zum Schluss: Spaß am Lesen - was bedeutet das für dich ganz persönlich?

 

1. Sonja, wie bist Du zum Spaß am Lesen Verlag gekommen? ‚Einfache Sprache’ war ja damals noch nicht so bekannt.

Die kurze Antwort:
über eine Anzeige in einer holländischen Zeitung.

Die lange Antwort:

Ich bin 1994 von Berlin nach Rotterdam gezogen. Dort habe ich Gesang studiert. Nach dem Studium habe ich jahrelang als Sängerin und Sprecherin gearbeitet. Doch ich wollte mehr. Also habe ich Journalismus studiert. Ich bin sehr neugierig. Und Zeitungen, Radio und Fernsehen fand ich immer interessant.

Durch das Studium habe ich gelernt, wie man Infos sammelt. Was am wichtigsten ist. Und vor allem: wie man die Infos verständlich mitteilt. Das gilt für alle Medien: Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet.

Es nervt mich immer, wenn Texte undeutlich sind. Jeder kennt das: Gebrauchs-Anweisungen, Webseiten, Formulare... Manche sind so undeutlich. „Das geht doch einfacher!“, denke ich mir dann immer.

Nach meinem Journalismus-Studium habe ich mich nach Aufträgen umgeschaut. Ich wollte gerne in meiner Muttersprache Deutsch schreiben. Ein halbes Jahr später sah ich eine Anzeige: „Verlag sucht freiberuflichen Journalisten, Muttersprache Deutsch“. Das war der holländische Verlag „Eenvoudig Communiceren“, übersetzt: „Einfach Verständigen“.

Diesen Verlag gibt es schon lange. Er hat sich ganz der Einfachen und Leichten Sprache gewidmet. In Holland war die Einfache Sprache damals also schon bekannt! Der Verlag wollte auch in Deutschland tätig werden. Ich habe einen Probetext geschrieben. Und ich wurde angenommen. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.

Ich habe mir die genauen Regeln der Einfachen Sprache auf Holländisch durchgelesen. Und so habe ich gelernt, sie auch im Deutschen anzuwenden.

So. Das war jetzt wirklich eine lange Antwort :-) Nach oben


2. Was ist für Dich am wichtigsten, wenn Du einen Text bearbeitest?

Ich stelle mir vor, dass mir jemand gegenüber steht. Eine Nachbarin, ein Neffe, ein Verkäufer. Und dass ich demjenigen erkläre, worum es bei dem Thema geht. Ich schreibe also so, wie ich spreche. Viele Leute verwenden gerne Fremdwörter. Oder ganz lange Sätze. Sie wollen, dass andere denken: Der ist aber schlau! Das finde ich schade. Jedenfalls wenn es darum geht, dass viele Leute einen Text verstehen sollen.

Die wichtigsten Regeln der Einfachen Sprache sind für mich:

  • Kurze Sätze. Also höchstens zehn Wörter. Nicht mehr als ein Nebensatz.

  • Lieber kürzere als längere Wörter: “Wahl des Bundestages” ist einfacher als “Bundestagswahl”.

  • Keine Metaphern, also bildliche Sprache. Zum Beispiel: nicht “am laufenden Band”, sondern “ständig”. Keine Rede-Wendungen.

  • Fremdwörter nur verwenden, wenn sie wirklich nötig sind. Dann aber erklären in einer Wörterliste. Oder in einem Kästchen neben dem Text.

  • Wenn es geht, trenne ich lange Wörter mit einem Bindestrich. Zum Beispiel “Sonnen-Untergang”. Das liest sich leichter als “Sonnenuntergang”, oder? Nach oben

3. Was findest Du schwieriger: einen schwierigen Fachtext in Einfache Sprache übertragen oder ein Buch?

Das hängt von zwei Dingen ab: dem Text und dem Auftrag-Geber.
Ich habe schwierige Texte von lockeren Auftrag-Gebern „übersetzt“. Und ich habe einfache Texte übersetzt, die mir trotzdem sehr schwer gefallen sind. Warum? Weil der Auftrag-Geber dann immer noch was anders wollte. Oder ein ganzes Team sich nicht einig wurde.

Bücher mit vielen Zeit-Sprüngen sind recht schwierig. Auch Bücher, in denen mehrere Geschichten zugleich erzählt werden. Oder in denen man ganz viel selber deuten muss. Aber wie bei den meisten Dingen gilt auch hier: Je öfter man es macht, desto leichter geht es. Ich habe gelernt, den Aufbau eines Textes schnell zu erfassen. Nach oben


4. An welche Buch-Bearbeitung denkst Du noch am meisten?

Ganz klar: „Ziemlich beste Freunde“ von Phillipe Pozzo di Borgo. Die Geschichte hat mich berührt. Ich habe selbst auch mit Behinderungen zu tun. Mein ältester Sohn ist schwerst-behindert. Kurz nach der Geburt hat er eine Entzündung im Kopf bekommen.

Die Geschichte von Pozzo di Borgo macht Mut. Sie zeigt, was jemand noch kann. Nicht nur, was jemand nicht mehr kann. Was mir auch gefällt: Das Buch zeigt, dass Humor sehr wichtig ist. Auch wenn man eine Behinderung hat. Oder wenn jemand behindert ist, der einem wichtig ist. Humor macht vieles leichter.

Die Übersetzung in Einfache Sprache war schwierig. Ich musste mir nämlich nicht nur das Buch durchlesen. Sondern auch den Film anschauen. Den hatten Millionen Deutsche im Kino gesehen. Doch nicht alles aus dem Buch war im Film zu sehen. Denn das Buch ist recht lang. Und im Film gab es manches, das nicht im Buch stand.

Ich musste mir also erst überlegen: Was verwende ich aus dem Buch? Und was verwende ich aus dem Film? Und wie mache ich daraus eine Geschichte? Das war wie ein Puzzle. Ich musste alles ordnen. Das war auch nicht einfach. Im Buch gab es viele Zeitsprünge. Doch ich habe es geschafft. Auf das Ergebnis bin ich recht stolz.

Was besonders toll war: Philippe Pozzo di Borgo habe ich dann sogar noch getroffen! Er hat das Buch nicht nur geschrieben. Es ist seine eigene Geschichte. Dieses Treffen hat mich sehr beeindruckt. Nach oben


5. Hast du auch Kontakt zu den Autoren von den Original-Büchern? Müssen manche davon überzeugt werden, dass Einfache Sprache wichtig ist?

Zum Glück brauche ich selbst nie jemanden zu überzeugen. Das macht der Verlag. Ich bekomme den Auftrag und schreibe. Ich habe nicht nur Philippe Pozzo di Borgo getroffen. Sondern auch Raúl Krauthausen. Sein Buch “Dachdecker wollte ich eh nicht werden” habe ich ebenfalls bearbeitet. Beide Autoren haben sehr gut auf die Bearbeitung ihres Buches reagiert.

Für beide Seiten ist eine Übersetzung in Einfache Sprache etwas Gutes:

  • Für die Leser, weil sie das Buch lesen können.

  • Für die Autoren, weil sie mehr Leser ansprechen. Dadurch haben sie auch noch mehr Einkommen und Bekanntheit. Nach oben

 

6. Und zum Schluss: Spaß am Lesen - was bedeutet das für dich ganz persönlich?

Spaß am Lesen habe ich schon ganz früh entdeckt. Ich habe als Kind sehr viel gelesen. Manchmal mehrere Bücher pro Woche.
Was ich so toll finde: Beim Lesen kann man

  • … alles um sich herum vergessen.
  • … das Gefühl haben, als ob man in eine Geschichte reingezogen wird.
  • … etwas Neues lernen.
  • … manche Dinge plötzlich anders sehen.
  • … sich selbst besser kennen-lernen.
  • … die Welt entdecken.

All das kann Lesen einem geben. Wie toll ist das denn?Nach oben



Sonja Markowski hat diese Bücher in Einfache Sprache übertragen:

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